EDITORIAL #7

von Andi Wahl ///

Was geht?

Krisenzeiten sind ja bekanntlich Zeiten, in denen man Dinge durchsetzen kann, die unter „normalen“ Umständen kaum möglich wären. Wie das in der Realität aussieht, können wir gerade beobachten.

Schon 2004 sah der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch einen schleichenden Umbau in den „Kernländern der Demokratie“ und prägte dafür den Begriff der Postdemokratie. Damit beschrieb Crouch eine Gesellschaft, in der zwar noch Wahlen stattfinden, die Menschen aber nicht mehr in politische Entscheidungsprozesse eingebunden sind. Die Weichen werden durch ExpertInnen gestellt, denen zugetraut wird, zum „Wohle aller“ die richtigen Entscheidungen zu treffen. Und das auch noch viel schneller, als dies demokratische Verfahren vermögen. Die gewählten RepräsentantInnen (PolitikerInnen) sind in diesem System nur noch VermittlerInnen zwischen ExpertInnen und Volk. Die Macht liegt bei ExpertInnen, Kommissionen und (einigen großen) Wirtschaftsunternehmen.

Genau dieses System wird nun (goutiert von breiten Teilen der Bevölkerung) durchgesetzt. In Italien freuen sich viele Menschen über ExpertInnen statt PolitikerInnen an den Hebeln der Macht. In Griechenland wurde offen diskutiert, die Demokratie auch offiziell für die Zeit der Krisenbewältigung auszusetzen. Aus meiner Sicht ein Versuchsballon, wie weit man gehen kann, und ein Austesten, was sich die Menschen gefallen lassen, wie viele ihrer Wünsche die privilegierten Eliten umsetzen können, ob es die Demokratie-Simulation überhaupt noch braucht. Was geht!

Für uns Grund genug, dieser Ausgabe den Schwerpunkt „Krise und was wir daraus lernen (sollten)“ zu geben. Darauf gebracht hat uns Hubert von Goisern. Der singt in seinem aktuellen Hit „Brenna tuats guat“: „wo is des geld / des wos überall fehlt / ja hat den koana an genierer? / wieso kemman allweil de viara / De liagn, de die wahrheit verbieg’n / und wanns nit kriagn was woll’n / dann wird’s holt g’stohln / die falotten soll der teufel hol’n.“ Seinem Vorschlag, das überschüssige Kapital zu vernichten, schließt sich im nebenstehenden Beitrag die Ökonomin und Organisationsberaterin Petra Radeschnig an.

Ansonsten kann ich noch berichten, dass wir zu Halloween ein ganz famoses FRO-Fest feierten. Das 13te. Denn so lange rudern wir nun schon diese Galeere für Diversität, Radikaldemokratie, Klangkunst und freie Meinungsäußerung für alle.

 

—-

Andi Wahl ist Geschäftsführer von Radio FRO.

Zuletzt geändert am 16.05.12, 00:00 Uhr

Verfasst von Silke Müller

Ein Duett aus Radiofeature-Produktion und Illustrationsausstellung hat mein Kommunikationsdesign und Medienstudium abgeschlossen. Seit dem beschäftige ich mich mit der großen, künstlerischen Radioform "Feature", mit Reportagen und Interviews mit KünstlerInnen und Kulturschaffenden.

Ich bin freischaftende Illustratorin für Plakate - zum Beispiel für Radio FRO - Zeitungen, Magazine, Bücher und Ausstellungen. Radiohören geht beim Zeichnen wunderbar.

zur Autorenseite

Schreibe einen Kommentar

Kommentare werden von der Redaktion moderiert. Es kann daher etwas dauern, bis dein Kommentar hier erscheint. Wir behalten uns vor, diskriminierende oder diffamierende Kommentare, sowie solche, die straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, zu entfernen.