Kultur & Bildung spezial
 
Frauen in prekären Verhältnissen. Trümmerfrauen der Strukturanpassung?

Am 08.02.2013 veranstaltete der Verein „Gesellschaft für Frauen und Qualifikation mbH“ anlässlich des bevorstehenden internationalen Frauentages am 8. März ein „Philosophicum - Feminismus heute“ in der Loft des Cafe Landgraf, bei dem Universitätsprofessorin Doktorin Barbara Duden einen Vortrag unter dem Titel „Frauen in prekären Verhältnissen. Trümmerfrauen der Strukturanpassung?“ hielt.

Im "Kultur und Bildung Spezial" gibt es am Freitag, den 15.2. einen Mitschnitt dieser Veranstaltung zu hören, bei dem die Referentin zunächst über ihre intellektuelle Biographie, ihre Beteiligung an der Frauenbewegung im Berlin der 1970er Jahr sprach, sowie darüber, wie sie als Historikerin dazu kam, feministischen Geschichtswissenschaft zu betreiben und sich insbesondere der Historizität von Körperwahrnehmungen zu widmen.
Der Anstoss dazu kam durch die Erfahrung, dass Frauen zu dieser Zeit in den Geschichtswissenschaften nicht thematisiert wurden; Barbara Duden ging es darum, zum einen Frauen in der Geschichte sichtbar zu machen und die Präsenz von weiblichen Akademiker_innen an den Universitäten zu erhöhen, während ihr politisches Engagement darauf abzielte, die unbezahlten Reproduktionsarbeiten, die zumeist von Frauen geleistet werden, zu thematisieren und die historische Genese der damit einhergehenden Geschlechterverhältnisse nachzuzeichnen.

Sie schildert auch jene Entdeckung, die 1987 zur Veröffentlichung ihres Buches "Geschichte unter der Haut. Ein Eisenacher Arzt und seine Patientinnen um 1730" führte, die Ergebnis ihrer Auseinandersetzung mit dem Umbruch in der Körperwahrnehmung vom 18. ins 19. Jahrhundert wurde; also im Übergang zu jener Gesellschaftsformation, in der die Biologie zur Leibnormierenden Leitwissenschaft wurde. Aufgrund ihrer Erkenntnisse forderte sie zum als Konsequenz für die Forschung, dass individuelle Geschichten stärker mitgedacht werden müssen: Die Art und Weise, wie Personen über sich selbst sprechen, ernst zu nehmen. Zum anderen bewirkte die Auseinandersetzung mit diesen Zeugnissen, dass Barbara Duden eine stärkere Distanz zur Gegenwart herstellen konnte und gleichsam zur Grandwandererin zwischen den Perspektiven des Barock und der Jetztzeit wurde.

Ein Thema der Gegenwart, mit dem sich Barbara Duden fortan auseinandersetzte war und ist das der Gene; beziehungsweise des Sprechens über Gene. Wie jene Vorstellung gleichsam aus dem Labor ausgewandert ist, sich die Selbstwahrnehmung durch Übernahme dieses Modells veränderte; und zwar zu einer Zeit, als die Vorstellung von distinkten, isolierbaren "Bausteinen des Lebens" in der Wissenschaft schon wieder verworfen wurde. Ein weiterer Fokus ist, wie in der medizinischen Diagnostik individuelle Biographien in Risikoprofile verwandelt wurden, anhand derer Menschen und -im Falle pränataler Untersuchungen vorrangig Frauen- gezwungen sind, Entscheidungen über Sachverhalte und Ereignisse einer durchmedikalisierten Zukunft zu treffen, auf die sie letztendlich keinen Einfluss haben. Die Untersuchung, die den axiomatischen Verknüpfungen von wissenschaftlichen Versatzstücken und der Selbstwahrnehmung anhand des Sprechens über Gene "Viva Voce" nachgeht, ist als Publikation geplant.
 
Anschließend beschäftigte sich Barbara Duden mit dem angekündigte Thema, bei dem sie die Frage behandelte, wie die rhetorisch beschworene Steigerung der Erwerbsarbeit von Frauen tatsächlich dadurch zustande kam, dass prekäre Teilzeitstellen geschaffen wurden, die zudem vorwiegend in schlecht entlohnten Pflegeberufen verortet sind, während die Lohnsumme der von Frauen verrichteten bezahlten Arbeit annähernd gleich geblieben ist. Ihr Haupaugenmerk liegt jedoch auf der öffentlichen Dethematisierung der -zumeist von Frauen vollbrachten- privaten Reproduktions- und Pflegearbeiten und der Tendenz, dass Dienstleistungsberufe, die kaum rationalisierbar sind und immer teurer werden, deshalb in den häuslichen Bereich verschoben werden, wo diese Leistungen gratis vollbracht werden. Es geht somit um die Spannung zwischen Selbstbestimmung im Berufsleben und Entmächtigung durch ökonomische Verschiebungen; sowie die Frage, inwieweit formale Gleichstellung mit einer Femininisierung von Lasten einhergeht.  

Die Referentin geht auf das Menschenbild ein, das der europäischen Erwerbspolitik zugrunde liegt: Der "zero drag worker" als bindungsloser, flexibler Arbeitskraftbehälter, der zwar im Sinne der Gleichstellungspolitik rhetorisch strikt geschlechtsneutral verhandelt wird; de facto aber auf eine Benachteiligung von Frauen hinausläuft, die dann vor der "Alternative" stehen, auf dem Arbeitsmarkt um prekäre Teilzeitanstellungen zu konkurrieren, um globale Versorgungsketten nutzen zu können; also Dienstleistungen von Frauen aus zumeist Osteuropa zukaufen zu können, die noch schlechter bezahlt sind, oder die Pflegeleistungen, die nach den Kürzungen öffentlicher Transferleistungen vermehrte den privaten Haushalten aufgebürdet werden, unbezahlt zu erledigen und so erst recht von Ehemann oder Partner_in (der Bedarfsgemeinschaft) abhängig zu sein. Kurz: Marktförmige Dienstleistung mit Armutsgefährdung oder Ernährermodell mit "freigestellter Hausfrau". Barbara Duden vertritt im Fazit anhand der Frage "Kommen Frauen vom Regen in die Traufe?" die These, dass das, was im Verlauf der vergangenen 30 Jahre als emanzipatorischer Fortschritt für Frauen anerkannt wurde durch Zusatzbelastungen konterkariert wird, die in der öffentlichen Debatte jedoch nicht auftauchen und plädiert für eine Erhöhung staatlicher Transferleistungen, um es einerseits ärmeren Haushalten zu ermöglichen, sich Pflegedienste leisten zu können und diese Arbeiten zugleich besser zu entlohnen. Um die Problematik überhaupt erst sichtbar zu machen, müssten aber analytisch sowohl die bezahlten, wie unbezahlten Dienstleistungen, die mehrheitlich von Frauen gleistet werden aufeinander bezogen werden und die Verschiebungen in deren Verhältnis aufgrund von "Arbeitsmarktreformen" und Rationalisierungsprogrammen zu registrieren.        

Mehr zu Barbara Duden zu lesen unter:

http://barbara.duden.phil.uni-hannover.de/vita

Homepage der Veranstalterin:

http://www.VFQ.at

 

Sendungsgestaltung: Claus Harringer

12.02.2013